Komplexe Datenmigrationen? Microsoft liefert einen spannenden neuen Ansatz für Business Central

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich für neue Technologien begeistern kann. Allerdings nicht deshalb, weil sie neu sind, sondern weil sie ein Problem lösen, das uns in Kundenprojekten seit vielen Jahren begleitet. Eines dieser Themen sind Datenmigrationen. In den vergangenen Jahren durfte ich zahlreiche Upgrade- und Migrationsprojekte von Microsoft Dynamics NAV auf Microsoft Dynamics 365 Business Central begleiten. Ganz gleich, ob es sich um NAV 2009, NAV 2013, NAV 2016 oder NAV 2017 gehandelt hat – die eigentliche Herausforderung war selten das technische Upgrade. Die größte Herausforderung waren fast immer die Daten. 

Auf den BC TechDays 2026 in Antwerpen hat Microsoft mit dem BC14 Reimplementation Tool ein neues Framework vorgestellt, das genau an diesem Punkt ansetzt. Nach meiner Rückkehr haben wir das Tool intern bei OTE vorgestellt und intensiv diskutiert. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr bin ich überzeugt, dass dieser Ansatz künftig eine wichtige Rolle bei komplexen Upgrade- und Migrationsprojekten spielen könnte. 

Datenmigration bedeutet heute weit mehr als Daten zu kopieren 

Viele Unternehmen stehen aktuell vor der Entscheidung, ihre bestehende Microsoft Dynamics NAV-Lösung auf Business Central zu modernisieren. Häufig wird dabei zunächst an die technische Migration gedacht. Aus meiner Erfahrung ist diese heute allerdings oft der vergleichsweise einfache Teil des Projekts. Die eigentliche Komplexität entsteht durch die Daten. Ein ERP-System wächst über viele Jahre gemeinsam mit dem Unternehmen. Prozesse verändern sich, neue Anforderungen kommen hinzu und individuelle Erweiterungen entstehen dort, wo der Standard nicht mehr ausreicht. Irgendwann bildet das ERP-System nicht mehr nur Kunden, Lieferanten oder Artikel ab, sondern auch das gesammelte Wissen und die Erfahrung eines Unternehmens. Genau deshalb ist eine Datenmigration heute viel mehr als ein klassischer Import. 

Gerade im Lebensmittelgroßhandel steckt die eigentliche Herausforderung 

Bei OTE begleiten wir seit vielen Jahren Unternehmen aus dem Lebensmittelgroßhandel. Diese Branche gehört aus meiner Sicht zu den anspruchsvollsten Bereichen, wenn es um ERP-Systeme und Datenmigrationen geht. Natürlich existieren auch hier klassische Stammdaten. Gleichzeitig spielen aber Themen wie Chargenverwaltung, Mindesthaltbarkeitsdaten, Pfandsysteme, unterschiedliche Preiseinheiten oder komplexe EDI-Prozesse eine zentrale Rolle. Hinzu kommen individuelle Erweiterungen, die häufig über viele Jahre entstanden sind und heute unverzichtbarer Bestandteil der täglichen Abläufe sind. Wenn ein Unternehmen zehn oder fünfzehn Jahre mit einer NAV-Version gearbeitet hat, steckt ein großer Teil des Unternehmenswissens genau in diesen Daten und Strukturen. Deshalb sollte das Ziel einer Migration aus meiner Sicht niemals sein, einfach alles eins zu eins in Business Central zu kopieren. Viel spannender ist doch die Frage, wie sich dieses Wissen in eine moderne Systemlandschaft überführen lässt und welche Chance sich dabei bietet, Prozesse gleichzeitig zu vereinfachen und weiterzuentwickeln. 

Link auf: Branchenlösung Central Food

Ein Framework, das Migrationen neu denkt 

Genau an dieser Stelle setzt das neue Reimplementation Tool von Microsoft an. Der Ansatz unterscheidet sich deutlich von klassischen Importverfahren. Die Daten werden zunächst in sogenannte Buffer-Tabellen übernommen. Dort können sie analysiert, geprüft, transformiert oder ergänzt werden, bevor sie anschließend in die eigentlichen Business-Central-Tabellen geschrieben werden. Dadurch entsteht eine zusätzliche Ebene, auf der Daten während der Migration gezielt angepasst werden können. Das klingt zunächst unspektakulär. 

Je länger ich mich mit diesem Konzept beschäftigt habe, desto klarer wurde mir allerdings, welches Potenzial darin steckt. Statt Daten einfach nur zu übernehmen, lassen sie sich während der Migration bereits an neue Prozesse und Datenstrukturen anpassen. Individuelle Felder können berücksichtigt, Informationen ergänzt und bestehende Datenmodelle modernisiert werden. Genau diese Flexibilität hat bei komplexen Projekten bislang häufig gefehlt. 

Der Name führt eigentlich ein wenig in die Irre 

Ein Punkt ist mir bei der Vorstellung des Tools sofort aufgefallen. Der Name BC14 Reimplementation Tool lässt zunächst vermuten, dass sich das Framework ausschließlich für Business Central 14 eignet. Tatsächlich beschreibt der Name jedoch eher den Ursprung des Projekts als seine tatsächlichen Möglichkeiten. Das Framework arbeitet mit SQL-Datenquellen. Dadurch ist es grundsätzlich nicht auf Business Central 14 beschränkt. Auch SQL-Datenbanken älterer Microsoft Dynamics NAV-Versionen wie NAV 2009, NAV 2013, NAV 2015, NAV 2016 oder NAV 2017 können mit dem entsprechenden Mapping als Datenquelle verwendet werden. Selbst andere SQL-basierte Anwendungen sind grundsätzlich denkbar, sofern die Datenstrukturen bekannt sind. Gerade das macht das Tool für mich so interessant. Viele Unternehmen arbeiten heute noch auf älteren NAV-Versionen und stehen vor der Entscheidung, den Wechsel auf Business Central anzugehen. Genau diese Unternehmen profitieren häufig von einem flexiblen Framework, das bestehende Daten nicht nur übernimmt, sondern sie gleichzeitig transformieren und modernisieren kann. 

Warum mich die Wiederholbarkeit überzeugt 

Ein weiterer Aspekt hat mich besonders begeistert. Wer schon einmal größere Upgrade-Projekte begleitet hat, weiß, dass Datenmigrationen selten nur einmal durchgeführt werden. Meist gibt es mehrere Testmigrationen. Nach jedem Durchlauf werden Daten bereinigt, Regeln angepasst oder kleinere Fehler korrigiert. Bei klassischen Vorgehensweisen müssen viele dieser Anpassungen beim nächsten Test erneut durchgeführt werden. Das Reimplementation Tool verfolgt hier einen anderen Ansatz. Die eigentliche Transformationslogik wird Teil der Migration selbst. Dadurch lassen sich Testmigrationen beliebig oft wiederholen, ohne dieselben Anpassungen immer wieder manuell durchführen zu müssen. Das spart Zeit, erhöht die Qualität und macht den gesamten Prozess deutlich nachvollziehbarer. Gerade bei größeren Projekten mit mehreren Mandanten oder internationalen Rollouts sehe ich hierin einen erheblichen Vorteil. 

Greenfield bedeutet nicht bei null anzufangen 

Microsoft positioniert das Framework vor allem für Greenfield-Projekte. Ich finde diesen Gedanken ausgesprochen spannend. Ein Greenfield-Projekt bedeutet schließlich nicht, dass ein Unternehmen bei null beginnt. Im Gegenteil: Oft existieren jahrelange Erfahrungen, etablierte Prozesse und eine enorme Menge wertvoller Daten. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, genau dieses Wissen in ein modernes ERP-System zu überführen, ohne dabei unnötige Altlasten mitzunehmen. Aus meiner Sicht bietet das Reimplementation Tool genau dafür einen sehr interessanten Ansatz. Es schafft die Möglichkeit, Daten bewusst auszuwählen, zu transformieren und gleichzeitig die Gelegenheit zu nutzen, bestehende Prozesse kritisch zu hinterfragen. Eine Migration wird dadurch nicht nur zu einem technischen Projekt, sondern auch zu einer Chance, das eigene ERP-System fit für die nächsten Jahre zu machen. 

Warum wir uns bei OTE schon heute intensiv mit diesem Thema beschäftigen 

Neue Technologien entfalten ihren eigentlichen Nutzen erst dann, wenn sie sich in der Praxis bewähren. Deshalb beschäftigen wir uns bei OTE möglichst früh mit neuen Microsoft-Entwicklungen. Nicht, weil wir jedes neue Werkzeug sofort einsetzen möchten, sondern weil wir verstehen wollen, welche Möglichkeiten sich daraus für unsere Kunden ergeben. Das Reimplementation Tool gehört für mich genau in diese Kategorie. Natürlich befindet sich das Framework aktuell noch in einer frühen Phase und wird sich in den kommenden Versionen sicherlich weiterentwickeln. Trotzdem zeigt Microsoft bereits heute einen sehr spannenden Weg auf, wie komplexe Datenmigrationen künftig deutlich strukturierter und flexibler umgesetzt werden können. Gerade Unternehmen, die heute noch mit älteren NAV-Versionen arbeiten und den Schritt zu Microsoft Dynamics 365 Business Central planen, sollten diese Entwicklung aus meiner Sicht aufmerksam verfolgen. 

Mein persönlicher Eindruck 

Nicht jede technische Neuerung sorgt auf den ersten Blick für Begeisterung. Manche Werkzeuge entfalten ihren eigentlichen Wert erst dann, wenn man sie auf reale Kundenprojekte überträgt. Für mich gehört das Reimplementation Tool genau in diese Kategorie. Es wird klassische Datenmigrationen nicht vollständig ersetzen und sicherlich auch nicht jedes Upgrade automatisch vereinfachen. Gerade bei Unternehmen mit langjährig gewachsenen NAV-Systemen, individuellen Erweiterungen und komplexen Geschäftsprozessen – wie wir sie insbesondere im Lebensmittelgroßhandel regelmäßig begleiten – sehe ich jedoch enormes Potenzial. Denn erfolgreiche Migrationen bestehen heute nicht mehr darin, möglichst viele Daten zu kopieren. Sie bestehen darin, bestehendes Wissen intelligent in eine moderne Business-Central-Welt zu überführen und gleichzeitig die Chance zu nutzen, Prozesse nachhaltig zu verbessern. Ich freue mich deshalb sehr darauf, die weitere Entwicklung dieses Frameworks zu verfolgen und erste praktische Erfahrungen in unseren Projekten zu sammeln. Aus meiner Sicht steckt hier deutlich mehr Potenzial dahinter, als der Name BC14 Reimplementation Tool zunächst vermuten lässt. 

Bok Him Lin

Über den Autor

Bok Him Lin

Bok-Him Lin ist Teil der Geschäftsführung im Bereich Entwicklung der OTE GmbH und seit vielen Jahren eine prägende Kraft im Unternehmen.

Er gehört zu den Menschen, die technische Themen nicht nur verstehen, sondern früh erkennen, wohin sie sich entwickeln. Mit diesem Gespür bringt er immer wieder neue Impulse ein und sorgt dafür, dass wir auch als Unternehmen technologisch am Puls der Zeit bleiben.

Gerade wenn es komplex wird, ist er oft die erste Anlaufstelle – für Entwickler genauso wie für grundlegende Systementscheidungen. Dabei geht es ihm nie nur um die einzelne Lösung, sondern immer um das Zusammenspiel der gesamten Systemlandschaft.

Was ihn auszeichnet, ist die Kombination aus technischem Tiefgang und einem klaren, pragmatischen Blick darauf, was im Alltag wirklich funktioniert.