Das Ende der ERP-Maske naht.

Warum wir in fünf Jahren vielleicht mehr mit unserem ERP sprechen, als darin zu klicken.

Vor ungefähr zwei Jahren saß ich bei einer Podiumsdiskussion zum Thema KI und ERP auf der Bühne. Dabei habe ich ein Bild beschrieben, das damals noch ein gutes Stück Zukunftsmusik war. Ich komme morgens ins Büro, hole mir einen Kaffee und noch bevor ich Business Central geöffnet habe, informiert mich mein Assistent darüber, was am Vortag passiert ist. Nicht mit zwanzig Kennzahlen, sondern mit den Dingen, die für mich relevant sind: Der Auftragseingang ist zurückgegangen, drei wichtige Kunden haben weniger bestellt und bei einem davon könnte es mit unseren Lieferproblemen der vergangenen Wochen zusammenhängen. Dazu bekomme ich direkt Vorschläge, was wir tun könnten. Ich stelle ein paar Fragen, treffe eine Entscheidung und sage: „Okay, dann machen wir das so.“

Und jetzt kommt der eigentlich wichtige Teil:
Ich öffne danach nicht Business Central, suche die richtige Maske und setze meine Entscheidung dort um. Mein Agent erledigt das für mich. Vor zwei Jahren war das für mich eine Vision. Heute glaube ich, dass wir ziemlich genau auf diesem Weg sind.

Warum sucht der Mensch eigentlich noch nach dem Problem?

Nehmen wir einen Disponenten in einem Warenlager. Sein Arbeitstag beginnt heute vielleicht mit Bestandslisten, offenen Bestellungen, Verkaufsaufträgen und Bedarfen. Er setzt Filter, prüft Reichweiten und Liefertermine und versucht aus all diesen Informationen herauszufinden, wo in den nächsten Tagen ein Problem entstehen könnte. Das ERP liefert die Daten. Der Mensch sucht darin nach dem Problem. Warum sollte er nicht einfach seinen Agenten fragen: „Wo bekommen wir in den nächsten zwei Wochen Schwierigkeiten?“

Der Agent kennt Bestände, offene Aufträge, erwartete Wareneingänge, historische Verbräuche und Lieferzeiten. Statt daraus die nächste große Liste zu bauen, könnte er sagen: „Bei fünf Artikeln wird es kritisch. Bei Artikel A reicht der Bestand noch sechs Tage und der Lieferant war zuletzt mehrfach zu spät. Ich würde die nächste Bestellung vorziehen.“ Der Disponent muss das Problem nicht mehr suchen. Es kommt zu ihm – inklusive eines Vorschlags. Und wenn er zustimmt, sagt er vielleicht nur noch: „Mach das. Und erhöhe die Menge so, dass wir wieder vier Wochen Reichweite haben.“ Warum sollte er danach noch eine Bestellmaske öffnen?

Das ERP verschwindet nicht

Ich beschäftige mich inzwischen seit fast 30 Jahren mit ERP-Systemen. Wir haben in dieser Zeit sehr viel verändert, aber an einer Sache erstaunlich konsequent festgehalten: Der Mensch muss lernen, das ERP zu bedienen. Wir optimieren Pages, Felder, Rollencenter und Klickwege. Das ist heute richtig. Aber ich bezweifle, dass es in fünf Jahren noch für jeden Anwender genauso wichtig sein wird. Business Central verschwindet dadurch nicht. Im Gegenteil. Im Hintergrund brauchen Agenten ein verlässliches System, das Bestände, Preise, Aufträge, Buchungen, Berechtigungen und Geschäftslogiken sauber verwaltet. Je mehr ein Agent übernehmen soll, desto wichtiger werden aus meiner Sicht verlässliche ERP-Daten und Prozesse. Nur die Oberfläche verändert sich.

Vielleicht ist das ERP bald gar nicht mehr die wichtigste Oberfläche des ERP.

Weniger Bediener, mehr Entscheider

Und ja, das wird auch Auswirkungen auf Arbeit haben. Wenn Menschen heute einen erheblichen Teil ihres Tages damit verbringen, Informationen aus Masken zusammenzutragen, Daten zu übertragen, Listen zu prüfen und daraus immer wieder ähnliche Aktionen abzuleiten, dann wird KI einen Teil dieser Arbeit übernehmen. Es wäre aus meiner Sicht wenig glaubwürdig, enorme Produktivitätsgewinne durch KI vorherzusagen und gleichzeitig zu behaupten, dass wir danach für dieselbe Arbeit genauso viel Man- oder Womanpower benötigen. Wir werden weniger Menschen brauchen, deren wesentliche Aufgabe darin besteht, einen ERP-Prozess Schritt für Schritt zu bedienen.

Dafür brauchen wir Menschen, die entscheiden können und entscheiden wollen. Die Empfehlungen beurteilen, Zusammenhänge verstehen und Verantwortung übernehmen. Menschen, die einem Agenten sagen können: Mach das. Mach das nicht. Oder: Erkläre mir erst einmal, warum du das vorschlägst. Der reine Maskeneingabe-Typ wird deshalb nach und nach seinen Sitzplatz vor dem PC verlieren.

Auch wir müssen ERP neu denken

Für uns als ERP-Anbieter bedeutet das, dass wir Prozesse nicht mehr ausschließlich danach betrachten dürfen, wie wir sie möglichst gut in Business Central abbilden. Wir müssen uns häufiger fragen: Wie würde dieser Prozess aussehen, wenn der Mensch Business Central gar nicht mehr Schritt für Schritt bedienen müsste? Wo sollte ein Agent selbst erkennen, dass etwas passiert? Wo sollte er warnen? Welche Maßnahmen sollte er vorschlagen, welche vorbereiten und welche irgendwann selbstständig ausführen?

Solche Szenarien müssen wir gemeinsam mit unseren Kunden entwickeln – und manchmal auch für sie vordenken. Denn wenn ein Disponent seit 15 Jahren jeden Morgen dieselbe Bestandsliste öffnet, liegt der erste Gedanke nahe, diese Liste besser zu machen. Vielleicht braucht er aber gar keine bessere Liste. Vielleicht braucht er irgendwann überhaupt keine mehr. Vor zwei Jahren war mein morgendlicher ERP-Assistent noch ein Bild für eine Podiumsdiskussion. Heute sind viele der dafür notwendigen Bausteine bereits vorhanden oder entstehen gerade. In fünf Jahren werden ERP-Systeme deshalb vermutlich nicht weniger wichtig sein. Wir werden nur deutlich weniger Zeit damit verbringen, sie zu bedienen.

Vielleicht erleben wir also gar nicht das Ende des ERP. Sondern nur das Ende der ERP-Maske, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen.

Weiterführend:
Wie der Weg zu weniger manueller ERP-Arbeit bereits heute aussehen kann, zeigt unser Beitrag „Danke, EU! Endlich ein richtig guter KI-Use-Case für unser ERP“. Dort geht es um eine Aufgabe, bei der Menschen Informationen heute noch aus Dokumenten suchen und ins ERP übertragen – und darum, wie ein KI-Agent genau diesen Prozess unterstützen kann.


Danke, EU! Endlich ein richtig guter KI-Use-Case für unser ERP

Über den Autor

Alexander Lauermann

Alexander Lauermann ist Geschäftsführer der OTE GmbH und diplomierter Informatiker. Seit fast drei Jahrzehnten begleitet er Unternehmen bei ERP Projekten rund um Microsoft Dynamics und der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse. Ebenso lange arbeitet er mit ERP Systemen aus der Microsoft Welt und begleitet Unternehmen bei der Einführung und Weiterentwicklung moderner Unternehmenssoftware – von den frühen Navision Lösungen über Dynamics NAV bis hin zu Microsoft Dynamics 365 Business Central.

Als zertifizierter Microsoft Experte unterstützt er Unternehmen bei der Architektur, Einführung und Weiterentwicklung moderner ERP Lösungen. Seine besondere Erfahrung liegt in Projekten im Lebensmittelgroßhandel, Retail und E Commerce Umfeld, in denen er Unternehmen dabei hilft, komplexe Geschäftsprozesse praxisnah und nachhaltig zu digitalisieren.

Mit dem Blog Insights möchte er gemeinsam mit dem OTE Team Erfahrungen aus Projekten teilen, Einblicke in technologische Entwicklungen geben und Denkanstöße rund um ERP Systeme, Digitalisierung und Branchenlösungen liefern.